Michael Pfiffner

Lesung:           Apg 9, 26-31
Evangelium: Joh 15, 1-8

Liebe Mitchristen

In den letzten Wochen erlebte der Schweizer Fussball eine hohe Quote – nicht an Fernseheinschaltquoten und auch nicht an Zuschauerquoten, sondern an Trainer-Wechsel-Quoten:
Insgesamt 8 Mannschaften haben in der laufenden Saison einen neuen Coach erhalten.
Die Trainer hatten bei ihren Vereinen keinen Erfolg mehr. Und wer keine Zukunft hat, der wird in diesem harten Fussball-Business schnell gefeuert. Es geht schliesslich um viel Geld.
Eine gemeinsame Zukunft zu haben, zu bleiben, also ums pure Gegenteil, darum geht es im heutigen Evangelium. Es wird dort mit dem Bild vom Weinstock umschrieben. Dieses Bild gehört zu den sogenannten Abschiedsreden Jesu. Jene Worte also, so könnte man es sich mit einem Bild vorstellen, die Jesus sozusagen bereits in der Tür stehend, den Mantel schon angezogen, denen mitgeben will, die zurückbleiben. „Übrigens, was ich euch noch sagen möchte, was mir wichtig wäre, bevor ich nun gehe...“. Es sind also nicht irgendwelche Worte, sondern wesentliche Worte. Worte, die den Grund unseres Glaubens beschreiben und eine Hilfe für das Leben derer sind, die dann in dieser Welt bleiben. Worte also für uns. Da geht es um den Zusammenhalt, um eine gemeinsame Zukunft. Für den Glauben gilt nämlich: Ohne die Gemeinschaft, ohne das „bei einander bleiben“, ohne, dass sich der Glaube in der Gemeinschaft trägt, sich gegenseitig vergewissert und unterstützt, zerbricht dieser Glaube.
„Wenn ihr keine Verbindung zu den Wurzeln behaltet, wenn ihr für euch seid, dann lauft ihr Gefahr zu vertrocknen. Ihr werdet dürr. Bleibt in mir und ich in euch!“ - so fordert Jesus uns auf.
Wo diese Verbindung reisst, wo das Band zu lose und zu brüchig wird, ist der Glaube in Gefahr.
Vielleicht kennen sie den etwas halbherzigen Satz „Wir hören voneinander“ oder „Wir bleiben in Kontakt“. Wie oft gelingt einem das gerade nicht, weil es eher höflich als ernst gemeint war. Ein Satz, der zwar das eigene Gewissen beruhigt, aber meist nicht zu einer tragfähigen Beziehung wird. Es braucht nämlich Kraft und Engagement, eine solche Beziehung zu pflegen. Zu einem Anruf oder dem Verfassen eines Briefes muss man sich oft überwinden. Von dieser menschlichen Trägheit und der Gefahr, in alle Richtungen „auseinander zu fallen“ wusste Jesus wohl. Vermutlich ahnte er schon, wie wichtig denen, die in dieser Welt leben, der Alltag notwendigerweise sein wird. Wie gross die Gefahr ist, dass die Verbindung zum Stamm, und damit zur Versorgung, aus den Wurzeln reisst. Er wusste, wie schwer für ein Leben in dieser Welt eine tragfähige Beziehung und eine lebendige Gemeinschaft zu verwirklichen und zu erhalten sein würde. Da ist so viel, was erledigt werden muss, der Alltag frisst die letzten freien Minuten. Die Kinder wollen versorgt, die Enkel behütet, der Garten gerichtet, der Körper trainiert, der Lebensstandard erhalten, die Prüfung erfolgreich bestanden sein. Und das alles möglichst zeitgemäss, pünktlich und erfolgreich.
Wenn wir den Grund unseres Lebens aus der Willkür gesellschaftlicher Trends und wirtschaftlicher Strömungen schöpfen, verlieren wir als Menschen die Verbindung zu den Wurzeln und trocknen aus.
Weil wir Gott aber wichtig sind, müssen wir weder Top-Models noch Superstars sein. Weil wir zu Gott gehören, wissen wir, dass Scheitern und Schwachheit zum Leben gehören. Weil wir in Gemeinschaft zu diesem Jesus Christus leben, der gestorben, begraben und auferstanden ist, gehört zu unserer Gemeinschaft das gebrochene Leben dazu. Weil wir um diese Kraft Gottes wissen, werden wir uns an allen Orten, Ebenen und Zeiten für eine Ausrichtung unserer Gesellschaft an diesen christlichen Werten einsetzen.
Wie kann es mir als einzelner aber gelingen, die Verbindung zu Gott so kräftig und stark zu halten? Die Antwort liegt im heutigen Evangelium: In Gemeinschaft nämlich.
„Wenn ihr in mir bleibt und wenn meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten.“
Das also ist es, was wir gerade und immer wieder tun: Gottes Wort hören und aufnehmen und ihn in unserer Mitte feiern. Darum ist unser Gottesdienst zu Recht ein Ort der Erneuerung und Stärkung.
„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen.“
Das, liebe Mitchristen, hat Zukunft. Für einen jeden und eine jede von uns. Und sie reicht weit über die paar Monate eines Fussball-Trainers hinaus.