Jürg Wüst

Lesung:                1 Thess 1, 1-5b

Evangelium:      Mt 22,15-21

Predigt:

 

Liebe Gläubige

«So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!» Was dem Kaiser gehört, war den Zuhörenden zur Zeit Jesu klar. Es waren die Münzen, die damals das Portrait des Kaisers und zudem oft auch einen Stern trugen, der auf die Göttlichkeit des Kaisers hinwies. Für römische Bürger war klar, dass der Kaiser verehrt werden musste. Ein Stern ist aufgegangen, euch ist ein Retter geboren, hiess es zum Beispiel in öffentlichen Verlautbarungen, als Kaiser Augustus zur Welt kam. Mit ganz ähnlichen Worten verkünden die Evangelisten die Geburt Jesu. Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört: Also Steuern, weltliche Macht und Ehre. Aber nicht mehr: nicht göttliche Vollmacht, nicht himmlische Auszeichnungen wie Messias, Retter oder gar Sohn Gottes. Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört kann heute heissen: Sucht nicht Erlösung und Rettung in Materiellem Überfluss. Reichtum und Macht sollen den Menschen dienen, solange sind sie kein Problem. Ist das nicht der Fall sollen Reichtum und Macht Grenzen gesetzt werden. Wir können uns das bewusst machen am heutigen Weltmissionssonntag, wenn wir unseren Blick auf jene Menschen richten, die weniger haben, die unter Machtmissbrauch leiden, denen es an materieller Sicherheit mangelt. Wir können uns ein Vorbild an der Kirche in Indien nehmen, die sich der Armen annimmt. Bischof Miranda schreibt: «Ganz allgemein gesagt erkennt man die katholische Kirche daran, dass sie Werte vermittelt, für einen gewissen Lebensstil steht und Dienste anbietet. Mehr als nur Worte also! Wir sind eine dienende Kirche, eine Kirche der Vergebung und der Liebe. Wir stehen im Dienst der Armen, der Kranken, der Menschen mit Behinderungen. Die Leute in Indien stellen fest, dass vor allem die katholische Kirche solches leistet. Ich kann es am folgenden Beispiel zeigen: Die HIV-positiven Kinder werden von ihren Familien verstossen. Wir nehmen uns ihrer an und geben ihnen eine neue Hoffnung. Ich sehe es als meine Mission, die Gute Nachricht, dass Gott uns liebt, zu verkündigen und davon Zeugnis abzulegen. Allen - Christinnen, Christen und Andersgläubigen - sage ich, dass wir alle demselben Auftrag Gottes folgen: sein Reich aufzubauen, eine Gemeinschaft, in der alle ihren Platz haben.» Im Dienst an den Menschen setzt die Kirche in Indien ausschliessenden Tendenzen Grenzen. Sie setzt dem Reichtum und der Macht Grenzen, rückt nicht sie, sondern die Armen in den Mittelpunkt. Gebt Gott, was Gott gehört, hiess es im Evangelium. Was gehört denn Gott? Ihm gehören sicher Ruhm und Ehre, ihm gehört das letzte Vertrauen. Ihm gehören aber auch die Welt und ihm gehören die Menschen. Also heisst gebt Gott, was Gott gehört, dass wir ihm nicht nur den Glauben schenken, sondern uns selbst, denn wir gehören ihm und nicht einer Weltlichen Macht oder der Wirtschaft. Wir gehören uns selbst und Gott. Mutter Teresa, die auch ein Teil der Indischen Kirche war, hat einmal treffend formuliert, was das heissen könnte, uns Gott zu geben. Sie sagte: «Ich bin ein Bleistift in der Hand Gottes, der einen Liebesbrief an die Welt schreibt.» Ein wunderschöner Vergleich. Bleistift sein, um der Welt die Liebe Gottes zu erweisen, seinen Liebesbrief an die Menschen zu ermöglichen. Das ist für mich keine rein passive, sondern vielmehr eine aktive Rolle. Ein Bleistift muss gespitzt sein, damit er schreibt. Das bedeutet, es braucht meine Bereitschaft, das bereite und offene Herz. Und so kann ich mich selber fragen, wie ich als Bleistift zum Liebesbrief an die Welt beitragen kann. Dazu kann nochmals Mutter Teresa helfen. Sie sagt: «Beten macht das Herz weit, bis es so gross ist, dass es Gottes Geschenk, nämlich ihn selbst in sich aufnehmen kann.» Es ist gut, wenn wir Christinnen und Christen uns das als weltweite Kirche hinter die Ohren schreiben: Der Kaiser soll nicht mit Gott verwechselt, zu Gott gemacht werden. Jesus selbst wusste zu unterscheiden zwischen dem Kaiser und Gott. So hat er sich konsequent den Armen zu gewendet. Wer ihre Perspektive einzunehmen vermag, kann manches in der Welt mit anderen Augen sehen. Geben wir ihm, seiner grossen Liebe in unseren Herzen Platz, dann haben dort von selbst nicht Macht und Reichtum, sondern die anderen Menschen ihren Platz.

Amen