Jürg Wüst

Liebe Gläubige

Im Leben gibt es tausend Dinge, die uns Sorgen machen können, auch wenn momentan in der Fasnachtszeit die Sorglosigkeit gelebt wird und an erster Stelle stehen möchte.

Unter den vielen Sorgen im Alltag, die auch durch die Fasnachtszeit nicht einfach verdrängt werden können (höchstens für eine kurze Zeit oder mit Alkohol) unter diesen Sorgen gibt es Sorgen, die die Existenz betreffen und solche, die zu den Alltagssorgen oder besser gesagt -sörgeli gehören. Sorgen um wichtige Dinge und um weniger wichtige Dinge treiben uns Menschen an. «Sorgt Euch nicht um euer Leben!» So haben wir im Evangelium gehört.

Meint Jesus da unsere Alltagsörgeli, die wir überwinden sollen, damit der Blick frei werden kann für die entscheidenden und wesentlichen Dinge des Lebens? Meint er zum Beispiel das Kleiderschrankproblem? Das steht jemand vor dem Schrank hat eine Einladung und weiss nicht was anziehen. Das kann hin und her gehen. Er meint sicher auch solche Sorgen. Diese nehmen einem die Lebensfreude und nagen am Glück, der Zufriedenheit usw. Es ist darum sicher gut, in der Fasnachtszeit diese Alltagsorgen bewusst zur Seite zu legen und sich durch Freude und das ausgelassene Feiern zu stärken. Oft kommt es da nämlich auf die Perspektive an, wie ein Vers passend zur närrischen Zeit ausdrückt:

Gleich viel in jedem Glase
Ein Optimist und Pessimist
beim Wirt den Wein genießen.
Gleich viel in jedem Glase ist
bei jenem und bei diesem.

Der Pessimist ist traurig sehr,
lässt hängen seine Nase,
weil leider schon zur Hälfte leer
der Wein in seinem Glase.

Der Optimist, der fühlt sich wohl
beim Wein als stiller Zecher,
weil immer noch die Hälfte voll
mit Rebensaft der Becher.

Ein Optimist und Pessimist
an Hühneraugen leiden.
Doch ganz verschiedenartig ist,
wie reagier'n die beiden.

Der Pessimist verbittert klagt,
weil ihm bei jedem Schritte
das Hühnerauge zwickt und plagt,
wodurch er schrecklich litte.

Der Optimist trägt mit Geschick
gelassen die Misere,
darüber froh, dass er zum Glück
kein Tausendfüßler wäre.

Ein Optimist und Pessimist
darin sich unterscheiden:
Was diesem Grund zur Freude ist,
bereitet jenem Leiden.
Aus: Johann Holzapfel, Hirt und Herde, Pastoralamt Linz

 

Da gibt es aber noch jene Sorgen, die nicht einfach zu überwinden sind. Auch mit einem «Sorge-dich-nicht» werden sie nicht überwunden, höchstens noch verstärkt.

Und doch sagt Jesus diese Worte seinen Jüngerinnen und Jüngern, die mit ihm als Wanderprediger unterwegs sind. Im Gegensatz zu denjenigen Menschen, die sesshaft sind und ein Haus bewohnen, treiben die Wandernden sicher noch andere Sorgen. Gemeint sind keine Alltagssörgeli, sondern existenzielle Sorgen und Nöte. Wo werden wir schlafen, was haben wir zu essen usw. Übersetzt in unsere Situation sind das Sorgen um die Gesundheit, die Altersvorsorge, Sorgen um den Zusammenhalt in der Familie, Sorgen um die Arbeitsstelle usw. Und wenn jetzt jemand mit solchen Sorgen kämpft, dann ist Jesu Satz auf den ersten Blick nicht unbedingt hilfreich.

Es ist dasselbe, wie wenn jemand Angst hat vor etwas. Es nützt dann nicht wirklich, wenn ich ihm sage, dass er keine Angst haben soll. Er hat ja schon Angst, und die kann er nicht einfach ausziehen wie ein paar Schuhe. Angst und auch Sorgen kann mir jemand doch nur nehmen oder lindern helfen, wenn er sich zuerst einmal in meine Situation hinein versetzt und mich darin ernst nimmt und versteht. Und gerade darum sagt wohl Jesus: «Sorge dich nicht», weil wir in Gott einen haben, der uns versteht. Das ist kein Befehl oder ein Besserwissen. Vielmehr will Jesus eine Einladung aussprechen. Ausformuliert heisst diese: Ich weiss, dass ihr euch Sorgen macht. Weil Gott ebenso um eure Sorgen weiss, braucht ihr euch nicht um euer Leben zu sorgen. Ihr könnt es eigentlich auch gar nicht. Denn das Leben selbst hat niemand in der Hand: Nur Gott. Jesus ruft also nicht zur Sorglosigkeit aus Nachlässigkeit auf, sondern aus Vertrauen auf Gott, der uns das Leben gibt.  «Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Zeitspanne verlängern?» (Mt 6,27) Niemand hat das Leben in der Hand nur Gott selbst. Aus diesem Vertrauen zu leben, kann befreien. Es kann befreien von der Frage nach dem Warum. Es kann den Blick für die wesentlichen Dinge offenhalten. Der deutsche Arzt und Dichter Angelus Silesius schreibt: Die Ros’ ist ohne Warum. / Sie blühet, weil sie blühet. / Sie achtet nicht ihrer selbst, / fragt nicht, ob man sie siehet. Er besingt damit die Schönheit der Rose, und teilt uns von ihrem Reichtum mit, den sie in sich trägt und den sie verschenkt, trotz der Dornen. Wo Menschen sich mit einer solchen Grundhaltung im Leben bewegen, wo sie das Leben in unabänderlichen Dingen und dornenvollen Momenten nehmen, wie es ist, da können sie für sich und für andere viel gewinnen: Nämlich Lebensfreude, Sicherheit und innerliche Freiheit. Nur, das ist nicht immer so einfach. Beten wir darum, dass wir Jesu Einladung zum grenzenlosen Vertrauen auf Gott immer wieder annehmen können. Amen