Jürg Wüst

Lesung: Apg 2,1-11

Evangelium: Joh 20,19-23

Liebe Gläubige

Der Sommer mit den langen und sonnigen Tagen lädt wieder zum Grillieren ein. Gerade mit Kindern ist es eine sehr schöne Erfahrung, im Wald oder an einem Bach eine Feuerstelle einzurichten. Holz ist meistens genug zu finden oder man bringt es im Rucksack mit. Die grösste Herausforderung beim Feuermachen ist das Anfeuern. Es kann dauern, bis auch die grösseren Holzstücke Feuer fangen. Am einfachsten ist es da, wenn bei einer Feuerstelle noch Glut vorhanden ist, man also von einem Feuer profitieren kann, das schon mal gebrannt hat. So legt man Holz nach und kann durch gezielte Atemstösse dieses zum Brennen bringen. Der Sauerstoff entfacht dabei das Feuer. Mich hat dieses Bild aus dem Schatz der Freizeit- und Familienerfahrungen von vielen Menschen für diese Pfingstpredigt inspiriert. Oft wird mir im Zusammenhang mit Glaubensfragen gesagt, dass die Dreifaltigkeit und damit verbunden der Heilige Geist schwierig oder kaum zu verstehen sind. Es ist ja tatsächlich auch der Fall, dass diese Glaubensaussagen schwer in Worte zu fassen sind. Wir feiern mit Pfingsten diesen Geist und mit ihm verbunden auch den Glauben an den dreifaltigen Gott; und wir tun gut daran, für uns auf zu schlüsseln, was wir denn feiern. Eine Spur finden wir, wenn wir dem Pfingstbericht aus der Apostelgeschichte folgen. Da ist im Zusammenhang mit dem Heiligen Geist die Rede vom Sturm, von Feuer und von einer neuen Sprache. Wind und Feuer begegnen uns auch in der Szenerie der Feuerstelle im Freien und diese kann uns in der Verbindung von beidem etwas vom Heiligen Geist zeigen. Ursprünglich heisst der Geist auf Hebräisch «ruach». Es ist ein weibliches Wort und kann am besten mit Wind oder Atem übersetzt werden. Feuer kann mit Atem angefacht werden. Voraussetzung ist, dass da Holz und Glut vorhanden sind. Und genau so ist es auch mit dem Heiligen Geist, der göttlichen Kraft. Auch diese braucht Voraussetzungen. Sie braucht Menschen. Wir sind sozusagen das Holz. Gott, der Schöpfer, den wir Vater oder Mutter nennen, schafft durch die Welt und die Menschen in ihrer Körperlichkeit und geistigen Fähigkeit - wie wir sagen könnten – die «materiellen» Grundlagen für das Leben. Aus Sicht des Glaubens sind wir Menschen aber mehr. So kommt die «ruach» schon in den Schöpfungsberichten der Bibel vor als der Atem, der den Menschen von Gott eingehaucht wird, der sie beseelt, der Lebenskraft schenkt. Was diese Lebenskraft letztlich ist, wird für uns Christinnen und Christen in Gott deutlich, den wir den Sohn nennen. In Jesus von Nazareth ist Gott als die heilende, befreiende und barmherzige Liebe fassbar. Die Liebe ist es schliesslich, die wie ein Feuer brennt und wärmt und hoffnungsvoll ins Dunkel der Nächte des Lebens leuchtet. Und diese Liebe ist wieder mit der «ruach», dem Lebensatem zu verbinden. Nicht umsonst wird bei der Taufe Jesu im Jordan von Gottes Geist, der sich auf ihn niederlässt und von der himmlischen Stimme gesprochen, die Gottes Liebe zum Sohn betont. Jesus hat durch sein Leben von Neuem darauf aufmerksam gemacht, worauf es im Leben ankommt, was die wirkliche Lebenskraft ausmacht. Er hat sich nicht nur auf das Materielle bezogen. Wir können uns das wieder mit der Feuerstelle vor Augen führen. In jedem Menschen brennt seit dem Anbeginn der Welt das Feuer der Liebe. Das Leben kann aber dazu führen, dass dieses Feuer nicht mehr brennt, dass es erlischt. Was bleibt, davon bin ich überzeugt, ist eine Glut unter der Asche. Jesus hat es verstanden, diese Glut wieder mit Holz und seinem Atem zum Brennen zu bringen. Das ist der Inhalt von Pfingsten: in der eher philosophischen Sprache des Johannes Evangeliums heisst das: «Jesus hauchte die Jüngerinnen und Jünger an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!» In der bildhaften Sprache des Evangelisten Lukas im Pfingstbericht aus der Apostelgeschichte ist es so formuliert: «Es ist wie wenn ein Sturm daher fährt… Die Asche wegbläst und die Glut zum Glühen und Brennen bringt, so dass sich wieder Feuerzungen zeigen.» Ja und jetzt zeigt sich, was der Geist bewirkt. Er bewirkt, dass Menschen sich wieder auf die göttliche Kraft der Liebe besinnen. Dass sie ihre Angst verlieren, dass sie Mut fassen und die Fenster und Türen aufreissen, dass sie eine neue Sprache sprechen, die von allen verstanden wird, die Sprache der Liebe. «Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort», wird in der Apostelgeschichte eingeleitet. Die Jüngerinnen und Jünger sitzen zusammen, so wie wir heute. Jede und jeder mit der eigenen Geschichte, dem Kummer, den Sorgen, der Angst und mit all den Grenzen und Herausforderungen des Lebens. Ja und wie damals ist wohl auch bei uns allen unter der Asche des Alltäglichen die Sehnsucht nach Leben und Liebe geblieben. Holz in diesem Feuer nachzulegen, das ist keine grosse Hexerei. Das ist unser Alltag, es sind die neuen Erfahrungen, die dazukommen. Pfingsten sagt uns, dass es diesen göttlichen Atem, diese «Ruach» gibt, die ganz unverhofft das Feuer wieder neu anfachen kann, damit wieder Feuerzungen durchs Holz schlagen und Wärme und Licht abgeben. In diesem Sinn ist Pfingsten ein Geschenk Gottes an uns, das so wie der Atem selbst und der Wind nicht sichtbar ist, aber in seinen Auswirkungen gesehen werden kann. Gottes Geist kann so als Liebe, als die verbindende und Gemeinschaftsstiftende Kraft gesehen werden, die wir uns schenken lassen dürfen. Wichtig ist, dass wir nicht zu viele Erfahrungen, sprich zu viel Holz auf dieses Feuer nachlegen. Es braucht die Zwischenräume, Momente der Stille und des Rückzuges, durch die der Wind blasen kann, um das Feuer neu zu entfachen. Ich meine, das dürfte in unserer Welt der vielen Möglichkeiten die grösste Herausforderung sein. Heute haben Sie sich einen solchen Zwischenraum geschenkt. Ich bin überzeugt, die Auswirkungen der «Ruach», der göttlichen Liebe werden nicht auf sich warten lassen. Auch damals wurden Fenster und Türen aufgestossen worden und Menschen sind sich ganz neu begegnet. Lassen wir uns ganz einfach von diesem pfingstlichen Geist erfassen.

Amen