Annemarie Marty

Kairos – den rechten Zeitpunkt nicht verpassen

Fünf Jungfrauen (in anderen Übersetzungen der Bibel werden sie gedankenlose junge Frauen genannt) haben den richtigen Zeitpunkt verpasst, nämlich den Empfang des Bräutigams und das Hineingehen zum Hochzeitsfest.
Warum? - Das Gleichnis sagt, sie hätten keinen Ölvorrat bei sich gehabt, mussten erst Öl kaufen gehen. Doch, was könnte mit dem Öl gemeint sein? Wir deuten es oft mit guten Werken, mit Verdiensten für den Himmel. Könnte aber mit Öl nicht auch gemeint sein, dass die gedankenlosen Menschen gute Gelegenheiten, richtige Zeitpunkte verpasst hatten?
Ist das nicht auch unsere Erfahrung: Da ist jemand, dem jetzt ein Wort des Zuspruchs gut täte, aber uns fehlen einfach die passenden Worte. Wir merken zu spät, dass jemand unsere Hilfe nötig gehabt hätte. Und da gibt es ja auch noch die Filmszene, zwei Menschen auf dem Eisenbahnperron: Sie fällt ihm auf, gerne würde er sie ansprechen, zaudert ein wenig, auf der andern Seite fährt der Zug ein, die Frau steigt ein – verpasste Gelegenheit.
Kleinere oder grössere Gelegenheiten, Augenblicke, hie und da ein Kairos, in der Mehrzahl: Kairoi, die wie kleine Tröpfchen Öl sind.
Die törichten Jungfrauen wollen beim Händler Öl kaufen gehen. Diese kleinen Gelegenheiten kann man aber nicht in der Grosspackung kaufen, sondern sie reihen sich, Tröpfchen an Tröpfchen aneinander. Es gibt also nicht nur einen Kairos, sondern viele kleine. Viele kleine Möglichkeiten, dem Bräutigam zu begegnen.
Natürlich erleben wir nicht alle gleich bedeutend. Der Kairos, die wichtige Gelegenheit, den Partner, die Partnerin kennen gelernt zu haben (wir sagen vielleicht zufällig) oder ein Stellen- oder Wohnungsangebot zugespielt zu bekommen, erachten wir sicher wichtiger, als die vielen kleinen Gelegenheiten im Alltag. Aber: Können wir bewerten, wie viel Energie uns gerade auch durch die kleinen Gelegenheiten geschenkt wird.
Der Kairos ist nicht berechenbar, wer ihn nicht ergreift, kommt zu spät, verpasst die Gelegenheit.
Was braucht es, um die Gelegenheit zu ergreifen? Ich würde zusammenfassen: offene Sinne, und vor allem ein offenes Herz.
Neben dem Kairos als Zeitbegriff gibt es auch den Chronos, den Zeitenlauf. Er wird oft als Weg dargestellt. Ich reise von A nach B, von der Geburt bis zur Endstation Tod. Und auf diesem Weg hat es ganz verschiedene Punkte, Kairoi, Chancen, an denen ich Öl für meine Lebenslampe tanken kann.
So beschreibt der Chronos, der Zeitenlauf, die Quantität der Zeit, der Kairos, die Qualität.
Noch ein letzter Gedanke, der mir bei diesem Gleichnis sauer aufstösst: Die gedankenlosen jungen Frauen bleiben vom Mahl ausgeschlossen. Wie passt das Gleichnis zum Bild des gütigen Vaters, wie es uns Jesus immer wieder aufzeigt? In der Zeit der schriftlichen Verfassung der Bibel gab es auch die apokalyptischen, die endzeitlichen Strömungen, die das Bild vom strengen Richter aufzeichnen sollen.
Aber wie ist das z. B. vereinbar mit dem Gleichnis vom guten Vater? Vereinbar mit dem Vater, der gnädig ist und dem verlorenen Sohn die Chance gibt, heimzukommen und Vergebung zu erlangen?
Ist das nicht auch ein ganz wichtiger Zeitpunkt? Der Kairos, der immer da ist, der Zeitpunkt der Vergebung, der Vergebung von Mensch zu Mensch, der Vergebung, die Gott uns immer gibt, darauf vertraue ich ganz fest:
Egal wie viel Öl wir für unsere Lampen, wie viele Gelegenheiten zum Guten wir in unserem Leben ergriffen haben: Gottes Liebe wird uns die Tür zum endzeitlichen Mal nicht vor der Nase zuschlagen. Gottes Liebe wird uns geschenkt werden als einmaliger, besonderer Kairos, als Gelegenheit, bei der er schaut, dass wir sie nicht verpassen.