Jürg Wüst

Lesung:             Jes 9, 1-6
Evangelium:   Lk 2, 1-14

Liebe Gläubige

Von ganzem Herzen wünsche ich Ihnen allen frohe Weihnachten. Sie konnten hoffentlich den Heilig Abend geniessen und die weihnachtliche Stimmung auch innerlich aufnehmen. Wenn das noch nicht so möglich war, wie Sie sich das gewünscht haben, dann möge unsere Feier hier, definitiv Weihnachten werden lassen. Vielleicht brauchen Sie ja dazu das «Stille Nacht» oder das Gommiswalder Weihnachtslied. Auf jeden Fall mögen die Kerzen, die Krippe, die Christbäume, das gemeinsame Beten und Singen und die Musik ihr Herz öffnen und die festliche Stimmung unterstreichen oder zu ihr beitragen. Stellen Sie sich vor, all das würde heute fehlen? Unsere Sakristane Esther und Wisi hätten in diesem Jahr beschlossen, die Krippe nicht aufzustellen. Wir hätten keine Kerzen - oder nur so viele wie sonst auch an einem Sonntag. Es gäbe die vertrauten Weihnachtslieder nicht. Wir würden das «Stille Nacht» und das Gommiswalder Weihnachtslied nicht singen. Es gäbe keine festliche, weihnachtliche Musik. Wir hätten keine Christbäume mit Kerzen und Schmuck und auch all das, was für Sie sonst noch notwendig zu Weihnachten gehört, würde ebenso fehlen. Sie würden mir wohl mit Recht sagen, es wäre so zwar der 24./25. Dezember aber sicher nicht Weihnachten. Für Weihachten braucht es doch all das. Es sind für uns vertraute Werte und ohne diese vertrauten Werte kann nicht Weihnachten sein. Ja, und ich würde Ihnen recht geben. Schauen wir doch nur die Kinder. Wie wichtig ist es ihnen, dass Weihnachten nach einem vertrauten Schema gefeiert wird. Wir Erwachsene sind doch an Weihnachten nicht gross anders. Wir sind wie die Kinder oder möchten es doch so gerne sein. Es gibt wohl kein anderes Fest, das so stark von eigenen Erinnerungen und Werten abhängig ist. Weihnachten führt unweigerlich zu vertrauten Werten und Wertvorstellungen. Und das ist gut so. Wir leben in einer Welt, in der die Unterschiede der Kulturen immer mehr verwischt werden. Der weltweite Austausch gerade auch im Internet trägt dazu bei, dass überlieferte Werte und Normen nicht mehr das gleiche Gewicht wie früher haben und an Verbindlichkeit verlieren. Vieles wird gleichgeschaltet und gleichgemacht. Und damit verschwinden vertraute Werte und Orientierungsmarken… Es wäre falsch, diese Entwicklung einfach schlecht zu reden und in Traditionen zu flüchten. Es wäre falsch, sich in die eigene Kultur zurückzuziehen und sich so abzuschotten, in dem man kulturelle Unterschiede als unüberbrückbare Gräben betont. Das soll nicht sein. Der Dialog unter den Kulturen ist wichtig. Aber es ist etwas anderes, in Dialog zu treten als Unterschiede aufzuheben. Gerade an Weihnachten merken wir, wie wichtig das ist. Wenn verschiedene Weihnachtstraditionen in Familien aufeinandertreffen, ist es wohl gewinnbringender miteinander den Dialog zu suchen, als einfach dem Frieden zuliebe auf die eigenen Traditionen und Wertvorstellungen zu verzichten. Wichtig ist es, dass wir vertraute Werte bewusst pflegen. Ich freue mich darum mit Ihnen zusammen hier zu feiern, mit all dem was dazugehört.

Nur, Weihnachten ist mehr als all die äusseren Dinge, die wir geniessen und die uns guttun. Weihnachten ist mehr als der Kerzenglanz, Geschenke und ein gutes (Nacht-)Essen. Oder müssten wir besser sagen: Weihnachten ist weniger, denn eigentlich ist Weihnachten ganz klein und armselig. Kein warmes Zimmer mit viel Spielsachen und einem Bettchen für das Baby, kein Hotel für die junge Familie, keine noblen Gäste, nur ein Stall und Hirten, die Ärmsten der Armen, ein Futtertrog und etwas Stroh. Und dennoch glänzen und glitzern in dieser Geschichte wie Kristalle oder Edelsteine unvergängliche und zugleich sehr zerbrechliche Werte auf: Friede, Hoffnung, Liebe und Vertrauen. Alles sehr grosse und hoffentlich auch für uns heute vertraute Werte! Auch wenn wir in einer ganz anderen Welt als damals leben. Wir haben Luxus, wir haben genug zu essen, wir haben eine wunderbar geschmückte Kirche, aber ohne all die unvergänglichen Werte, ohne Frieden oder wenigstens den Versuch zu einem friedlichen Miteinander, ohne Hoffnung oder wenigstens einen Lichtblick voll Zuversicht, ohne Liebe oder wenigstens spürbare Nähe und Solidarität, ohne Vertrauen, das wir einander schenken, ohne Vertrauen in uns selber und ohne Vertrauen in Gott, - und wenn es nur ein klein Wenig ist - wäre das alles leer. Ohne den göttlichen Frieden, der uns zugesagt ist, ohne die Hoffnung, die in der Krippe im Neugeborenen aufstrahlt, ohne die Liebe, die im Kind fassbar wird und ohne das Vertrauen von Gott zu uns Menschen, dass er sich klein macht, dass er schwach wird sich aus Liebe hingibt, würden all jene Menschen, die es nicht so gut haben wie wir, vergessen gehen. Weihnachten kann uns lehren und alle Menschen lehren, dem Leben zu vertrauen. Gerade auch dort, wo wir die Erfahrung machen müssen, dass Werte zerbrechen. Weihnachten kann verlorenes Vertrauen wieder schenken, weil Weihnachten sagt: Gott ist da. In der Erbärmlichkeit des Stalls, in der Erbärmlichkeit meines Stalls, in der Schwachheit meiner Liebe, in der Begrenztheit meines Vertrauens. Und Gott macht sich ganz klein, damit er mitgehen kann. Dietrich Bonhoeffer hat das so formuliert:

Das Wunder aller Wunder ist, dass Gott das Niedrige liebt. Gott schämt sich der Niedrigkeit des Menschen nicht, er geht mitten hinein, er wählt einen Menschen zu seinem Werkzeug und tut seine Wunder dort, wo man sie am wenigsten erwartet.

Das ist ein grosser Vertrauensbeweis. Das muss doch unser Vertrauen stärken, Licht und Hoffnung in die Welt zu tragen, auch wenn uns das manchmal nur in kleinen erbärmlichen Schritten gelingt. Das ist schon viel, weil Gott da ist; weil er gerade dort unter uns geboren wird.

Amen