Michael Pfiffner

Evangelium:       Lk 2, 1-14

Liebe Mitchristen

Rollschinken mit Kartoffelsalat und Fondue Chinoise waren bei uns zu Hause traditionelle Weihnachts-Essen. Und wehe, jemand hat wieder einmal einen anderen Menu-Vorschlag eingebracht. Der wurde gerade gebodigt mit dem Satz: „das war doch schon immer so“. Vielleicht kennen Sie das von sich zu Hause her auch: da gibt es gerade an Weihnachten viele vertraute Werte: das Essen eben zum Beispiel, oder wie und mit was der Christbaum geschmückt wird, oder wie die Bescherung abläuft, ob man da noch Lieder singt und wenn ja, welche. Meistens sind es gewachsene Traditionen und Rituale, die einem das Weihnachtsfest so über die Jahre hinaus vertraut machen.
Das eigentliche Weihnachten war aber überhaupt nicht so. Es war sogar das Gegenteil. Bei der Geburt von Jesus war sozusagen nichts, wie es war oder hätte sollen sein:

  • Da wird Maria schwanger, ohne dass ihr Verlobter Josef etwas damit zu tun hat.
  • Maria kann ihr Kind nicht in der vertrauten Umgebung zur Welt bringen, weil auf den Geburtstermin eine Volkszählung angesetzt ist und sie in die Heimatstadt Josefs reisen müssen.
  • Und dort, in Bethlehem, finden sie kein Zimmer, müssen in einer Notunterkunft, in einem Stall übernachten.
  • Für das Neugeborene gibt es kein vertrautes Bettchen, sondern nur eine Futterkrippe.
  • Maria und Josef können die Geburt nicht im vertrauten Familien- und Freundeskreis feiern. Es sind Randständige, die Hirten, die der jungen Familie ihre Aufwartung machen.
  • Und dann kommen da noch weitgereiste Fremde und bringen Geschenke: es sind zwar wertvolle, aber nicht gerade nützliche Geschenke. Ich kann mir vorstellen, Maria hätte mit Windeln und Babykleidung wohl mehr anfangen können als mit Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Die Geburt Jesu hat also alles andere als einen vertrauten Rahmen und steht damit eigentlich im Gegensatz zu dem, was wir in diesen Tagen an Wohlbekanntem feiern. Etwas gibt es aber, was die beiden Ereignisse, die Geburt Jesu  damals und unser Weihnachtsfest heute verbindet, über die Jahrhunderte und Hunderte Kilometer hinweg: das Kind in der Krippe.  Es ist die Verbindung, der Scharnier- und Angelpunkt, um den sich die Weihnachtsgeschichte dreht. Gott wird Mensch, das ist und bleibt der vertraute Wert durch alles hindurch. Und das ist für Gott so viel wert, dass er alles daran setzt, dass es gelingt, auch, wenn die Voraussetzungen dazu alles andere als ideal waren.
Dieses Ereignis ist Gott so viel wert, dass er an kritischen Punkten immer wieder eingreift und seinen Engel schickt:

  • Schon ganz am Anfang, als es darum geht, Maria die Botschaft der Schwangerschaft mitzuteilen, schickt Gott seinen Engel.
  • Dann, als Josef sich aus dem Staub machen will, weil er merkt, dass Maria schwanger ist.
  • Bei den Hirten auf dem Feld erscheint sogar eine ganze Heerschar von Engeln, um die frohe Botschaft unter die Leute zu bringen.
  • Und auch nach dem eigentlichen Ereignis schickt Gott den drei Sterndeutern aus dem Morgenland einen Engel, damit sie auf dem Heimweg einen grossen Bogen um Herodes machen.

Die Botschaft dabei ist eigentlich mehr oder weniger immer dieselbe: Die Engel verkünden, dass Gott Mensch wird. Und bei Josef gibt der Engel sogar den Namen des Kindes bekannt: es soll Immanuel heissen. Das hebräische Wort Immanuel bedeutet auf Deutsch: „Gott ist mit uns“. Und es ist eigentlich kein direkter Name, sondern vielmehr ein Programm, ein vertrauter Wert: Gott ist mit uns; Gott wird Mensch. Das ist das Entscheidende, um das es an Weihnachten geht: Gott geht mit uns durch unser Leben. Er ist vom Himmel herabgestiegen in der Gestalt eines winzig kleinen Babys. Und das gilt nicht nur für damals, sondern auch für uns heute noch. Gott kommt mitten in unser Leben. Er verbindet sich mit unseren Schwierigkeiten, mit unseren Herausforderungen. Das ist Weihnachten. Gott verbindet sich mit uns. Gott ist auf unserer Seite und will, dass wir Menschen ein menschenwürdiges Leben führen können, dass keiner dem anderen das Leben zur Hölle macht, dass niemand allein gelassen wird, dass die Völker aufhören, Krieg zu führen und dass niemand mehr unter den Folgen menschlicher Gewalt leiden muss. Dafür ist Gott in die Welt gekommen.
Wenn wir auch am heutigen Weihnachtsfest in die Welt hinausschauen, werden wir feststellen, dass wir davon noch weit weg sind. Und wir müssen feststellen, dass die grossen Linien sich eher noch von diesem Ideal entfernen. Vieles von dem, was uns vertraut geworden ist, gilt nicht mehr, und das je länger je mehr.
Und so möchte Weihnachten uns Fragen stellen:

  • Was sind für mich vertraute Werte, liebgewordene Traditionen?
  • Wo gibt es aber doch das eine oder andere in meinem Leben, in meinem Umfeld, das sich lohnt, zu hinterfragen?
  • Was sind für mich Werte, denen ich vertraue?
  • Woher kommen die Werte, auf denen ich mein Leben aufbaue?

Bei all diesen Fragen will Gott für uns vertrauenswert sein und bleiben. Er sagt uns: ich bin auf eurer Seite. Eine mögliche Antwort von uns auf dieses grosse Vertrauen Gottes könnte diejenige eines amerikanischen Präsidenten sein. Es handelt sich dabei nicht um Donald Trump, sondern um Abraham Lincoln. Er hat gesagt: „Mir geht es nicht darum, ob Gott auf unserer Seite ist. Mir geht es darum, dass ich auf Gottes Seite stehe.“